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Buchtipp: „Die letzten Tage meiner Kindheit“ von Rafel Nadal

Heute möchte ich ein Buch aus einem Genre vorstellen, das ich normalerweise nicht so häufig lese, nämlich einem historischen Roman, und zwar geht es um „Die letzten Tage meiner Kindheit“ des spanischen Autors und Journalisten Rafel Nadal (nicht zu verwechseln mit dem Tennispieler Rafael Nadal 😉 Lustigerweise beginnt die Autorenbeschreibung im Buch mit den Worten „Rafel Nadal kann besser schreiben als Tennis spielen“, diese Verwechslung ist dem Autor wohl schon häufiger passiert).

Der Hauptteil des Buches spielt Anfang und Mitte der 1940er Jahre in einem kleinen spanischen Dorf, wenige Jahre nach Ende des spanischen Bürgerkrieges. Die Geschichte erzählt von der Kindheit und dem weiteren Lebensweg von Lluc, dessen (alleinerziehende) Mutter am letzten Tag des Bürgerkriegs auf dem Dorfplatz vor den Augen ihres Sohnes erschossen wurde, als sie einem Verwundeten Kämpfer beistehen wollte. Lluc wächst seitdem bei Senora Stendhal, deren Vater und deren halbwüchsigem Sohn Dani auf, die er alle verehrt und bei denen er sich geborgen fühlt. Doch das Leben im Dorf ist weiterhin von Angst, Gewalt und Misstrauen geprägt, viele Anhänger des Widerstands gegen Franco verstecken sich seit dem Krieg immer noch in den Bergen und Wäldern rings um das Dorf und träumen von einem Umsturz der Regierung oder versuchen nur irgendwie zu überleben. Bei einer Rückkehr ins Dorf droht ihnen die Hinrichtung. Auch im Dorf stehen sich heimliche Sympathisanten der Rebellen sowie treue Anhänger der Regierung gegenüber und wenige reiche Großgrundbesitzer dominieren das ganze Dorf, während andere kaum über die Runden kommen. Trotz allem verlebt Lluc zunächst eine halbwegs  normale Kindheit, er bewundert den leidenschaftlichen und politisch engagierten Dani, er schwärmt für Senora Stendhal, doch eines Tages wird er durch schlimme Ereignisse so getroffen, dass er sich den Rebellen im Wald anschließt und wird fortan von dem Gedanken beherrscht für Gerechtigkeit für seine Mutter und seine Ersatzfamilie zu sorgen…doch im Laufe seines Lebens muss er realisieren, dass Rache oft dazu führt, dass man genauso schlimm wird wie seine Gegner und dass es im Krieg keine „Guten“ gibt

Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, die Hoffnungslosigkeit, Brutalität und Ungerechtigkeit der damaligen Zeit in Spanien wird eindringlich geschildert und man leidet mit Lluc und den restlichen Personen mit. Allerdings ist es etwas schwierig die ganzen historischen Zusammenhänge zu verstehen, wenn man mit der Geschichte Spaniens nicht in der Tiefe vertraut ist. Um den Grundtenor des Buches zu verstehen ist das aber nicht so wichtig. Trotzdem hätte ich mir für mich selbst mehr Hintergrundwissen über die damalige Zeit in Spanien gewünscht.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass das Buch im letzten Drittel, als Lluc sich in die Berge zu den Rebellen absetzt vorübergehend doch einen recht abrupten und auch etwas unausgewogenen stilistischen Bruch erlebt, der bei mir den Lesefluss doch kurzzeitig etwas gestört hat. Insgesamt fand ich den Roman aber sehr lesenswert.

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Buchtipp: „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

„Kleine Feuer überall“ ist der 2. Roman der Autorin Celeste Ng.
Schon ihr Debutroman „Was ich euch nicht erzählte“ hat mir sehr gut gefallen, weswegen ich auf „Kleine Feuer überall“ sehr gespannt war.
Das Buch spielt in der Vorstadt-Gemeinde „Shaker Heights“ bei Cleveland in Ohio. Den Ort gibt es wirklich (und ich habe der Autorenbeschreibung entnommen, dass die Autorin tatsächlich dort aufgewachsen ist). Shaker Heights ist eine Plan-Gemeinde, die
am Reißbrett entworfen wurde und durch strikte Regeln geprägt ist (zum Beispiel darüber in welcher Farbe man sein Haus streichen darf, was dem typischen Deutschen jetzt nicht besonders vorkommen wird), die allen Bewohnern ein perfektes Leben bieten soll.
Genauso diszipliniert wie Shaker Heights ist das Leben von Elena Richardson, die mit ihrem Ehemann und ihren 4 Kindern dort wohnt.

Die Richardsons besitzen außer ihrem eigenen Wohnhaus noch ein 2. Haus in Shaker Heights, in dem sie Wohnungen vermieten. Da Elena Richardson sich gerne wohltätig gibt, vermietet sie eine Wohnung darin an die Fotografin und Künstlerin Mia, die mit ihrer 15-jährigen Tochter Pearl nach Shaker Heights gezogen ist. Mia versucht von ihrer Fotografie zu leben und hält sich ansonsten mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Elena bietet ihr deswegen eine Teilzeit-Stelle als Haushälterin bei den Richardsons an. Mia ist das genaue Gegenteil von der kontrollierten und vernünftigen Elena, sie zieht mit ihrer Tochter seit Jahren durch die ganzen Vereinigten Staaten, ist eher spontan und chaotisch.
Auf Pearl (die kein konstantes Zuhause gewohnt ist) übt die scheinbar „perfekte“ Familie Richardson eine große Faszination aus, auf Izzy (die jüngste Tochter der Richardsons und das „Schwarze Schaf“ der Familie) wirkt Mia um so anziehender. So verweben sich die Leben der beiden Familien anfangs immer mehr, die Kinder schließen Freundschaften, Mia wird zu einer Art Ersatzmutter für Izzy, während Pearl immer mehr Zeit mit den anderen Kindern der Richardson Familie verbringt. All das geht so lange gut geht bis Mia (mehr oder weniger durch einen Zufall) für Unruhe in Elenas kontrolliertem Umfeld sorgt und Elena daraufhin beginnt in Mias Vergangenheit zu wühlen…

Der Schreibstil des Buches ist wie schon in Celeste Ng’s letztem Buch sehr klar und eher nüchtern, was die Geschichte aber nicht weniger emotional macht. Mir hat sehr gut gefallen, wie die unterschiedlichen Lebensentwürfe der beiden Familie geschildert werden und die Auswirkungen, die daraus entstehen, dass sie aufeinander prallen. Für mich ein weiterer starker Roman, der durchaus mit „Was ich euch nicht erzählte“ mithalten kann, auch wenn die Geschichte in eher leisen Tönen daher kommt.

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Buchtipp: „Die Geschichte der Bienen“

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde ist ein Buch von dem ich im Vorfeld schon recht viel gelesen und gehört hatte.
Das Buch erzählt (in abwechselnden Kapiteln) drei verschiedene Geschichten in 3 verschiedenen Zeitebenen, die aber alle ein gemeinsames Thema haben: die Bienen und ihre Auswirkungen im Kleinen auf die Protagnisten des jeweiligen Abschnitts und auf die Menschheit im Großen.

Der erste Teil spielt im Jahr 1852. Der Biologe und Naturforscher William hat eine Sinnkrise, träumte es ihm doch am Beginn seiner Berufskarriere von dem großen Durchbruch als Forscher und von großem Ruhm und Anerkennung. Stattdessen hat er zwar eine Menge Nachkommen produziert und verdient seinen Lebensunterhalt aus seiner Sicht mehr oder weniger sinnlos als Händler…für seine Forschung blieb neben Alltag und Familie aber fast keine Zeit mehr, so dass er in eine tiefe Depression gefallen ist (zu Beginn des Besuches verlässt er nicht mal mehr das Bett). Doch dann erlebt nochmal einen kreativen Aufschwung und träumt dann als Erschaffer eines modernen Bienenstocks in die Geschichte einzugehen.

Der zweite Teil spielt 2006 in den USA: der Bienenfarmer Henry, der die jahrzehntelange Tradition seiner Familie weiterführt, hofft, dass auch sein Sohn einmal seine Farm übernehmen wird, für die seine ganze Leidenschaft schlägt. Doch der studiert stattdessen Journalismus und seine Frau würde auch lieber im Ruhestand
nach Florida ziehen als noch Jahre auf der Farm zu verbringen. Eine Horrorvorstellung für Henry. Als wäre das nicht genug, werden in den USA zunehmend mehr Bienenfarmen von einem merkwürdigen Bienen-Sterben (oder besser gesagt Bienen-Verschwinden) befallen…

Der letzte Teil spielt in der Zukunft, im Jahr 2098, in China. Die Bienen sind inzwischen komplett von der Erde verschwunden, ein Großteil der Menschen ausgestorben.
Nur China geht es noch relativ gut, denn das Land hat es rechtzeitig geschafft mit Hilfe einer großen Disziplin und kollektiven Arbeitsleistung aller auf Handbestäubung umzustellen. Der Preis dafür ist aber hart, jeder Bürger ab einem Alter von 8 Jahren muss täglich 12 Stunden im Feld und auf Bäumen arbeiten, einen freien Tag gibt es nur alle paar Monate. Für die gebildete Tao ist es eine Horrorverstellung, dass ihr 3-jähriger Sohn auch schon in wenigen Jahren in diesem Alltag landen wird und versucht deswegen ihn mit so viel Bildung zu überschütten, damit er eine Chance auf eine der wenigen anderen Karrieren im Land bekommt. Doch ihre Träume finden ein jähes Ende als es bei einem harmlosen Familienausflug an einem der wenigen freien Tag zu einem merkwürdigen Unglück kommt.

Am Anfang des Buches wirken die 3 Handlungsstränge (bis auf das Bienenthema) völlig autark, bis zum Ende des Buches wird aber schlüssig ein Bogen zwischen den 3 Geschichten gespannt, die ich aber sowieso auch alle 3 für sich alleine überzeugend fand. Dem Buch gelingt es sehr gut, die Familiengeschichten gefühlvoll in den Mittelpunkt zu rücken und aber auch das große gesellschaftspolitische Thema überzeugend damit zu verknüpfen. Einerseits geht es in dem Buch sehr viel darum was für (oft unerfüllbare) Erwartungen Eltern an ihre Kinder richten und was in der Realität daraus wird, andererseits gelingt es dem Buch ohne erhobenem Zeigefinder auf drängende Fragen der Menschheit aufmerksam zu machen. Gut gefallen hat mir auch der leise Humor in den Geschichten über William und Henry, deren etwas festgefahrene und egozentrische Sichtweisen mit Humor geschildert werden, ohne dass es respektlos rüber kommt. Diese Geschichten funktionieren deswegen (obwohl sie natürlich auch einen ernsten Grundton haben) auch gut als Auflockerung gegenüber der doch deutlich düsteren Zukunfts-Dystopie rund um Tao.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und aus meiner Sicht hat es die vielen positiven Kritiken definitiv verdient.

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Buchtipp: „Euer dunkelstes Geheimnis“ von Amanda Jennings

Auf „Euer dunkelstes Geheimnis“ von Amanda Jennings bin ich eher zufällig gestoßen. Laut Buchcover handelt es sich bei dem Roman um einen Thriller, was ich nachdem ich das Buch gelesen haben für eine sehr unglückliche Kategorisierung halte, da ich beim besten Willen nicht erkennen kann, was an dem Roman ein Thriller sein soll (auch als Krimi würde er nicht durchgehen). Zwar geht es grundsätzlich um ein Verbrechen, allerdings sind die Geschehnisse von Anfang an mehr oder weniger klar und ist auch einfach eine Familiengeschichte  und -Tragödie (mit ganz minimalen mystischen Elementen) die wirklich sehr gefühlvoll erzählt wird. Ich finde das ungünstig, denn Thriller-Fans werden eventuell enttäuscht sein und Leute, die so eine Familiengeschichte gerne lesen würden, werden eventuell von der Thriller Etikettierung abgeschreckt. Davon mal abgesehen war das Buch wirklich eine Überraschung, denn es hat meine Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen.

Die 28 jährige Bella fährt zu Beginn des Buches mit ihrem Ehemann David (der eine unangenehme Kontrolle über sie auszuüben scheint) zur Beerdigung ihrer Mutter, die überraschend starb. Bella hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Mutter Elaine, denn sie wuchs überbehütet und von der Außenwelt abgeschirmt (nicht mal zur Schule durfte sie gehen, den Unterricht übernahm ihre Mutter) in einem alten Pfarrhaus auf, eingeengt von ihrer kontrollsüchtigen Mutter und mit einem seltsam distanzierten Vater Henry…trotzdem stand Bella ihrer Mutter sehr nahe und ist am Boden zerstört. Schockierenderweise begeht ihr Vater am Tag nach der Beerdigung auch noch Selbstmord und hinterlässt Bella einen Brief in dem er offenbart, dass Henry und Elaine gar nicht Bellas leiblichen Eltern waren und dass sie sie auch nicht adoptiert haben. Mit im Brief der Name und die Adresse ihrer tatsächlichen Mutter. Es hat den Anschein als hätten Elaine und Henry Bella als Kleinkind entführt…

Bella ist hin- und hergerissen und löst sich schließlich von David, um in die Kleinstadt St. Ives in Cornwall zu fahren ihre tatsächliche Familie zu suchen. Zuerst gibt sich Bella dort als Journalistin aus und nennt sich nach ihrer eingebildeten Freundin ihrer Kindheit Tori. Der Rest des Buches erzählt von der Annäherung von Bella an ihre leibliche Familie, von Bellas Suche nach ihrer eigenen Identität und nach und nach kommt auch raus, was damals wirklich geschah als die kleine Bella (ihr richtiger Name lautete Morveren) verschwand.

Ich fand das Buch sehr vielschichtig und gefühlvoll, mit toll ausgearbeiteten Charakteren und einer kreativen und außergewöhnlichen Geschichte. Dass es am Ende ein bisschen sehr gefühlsbetont und pathetisch wurde, hat mich deswegen auch nicht gestört, da einem die Charaktere einfach so ans Herz gewachsen waren (mir kam sogar fast eine Träne ganz am Ende). Insgesamt ein wirklich tolles Buch, dass etwas unglücklich in der Verpackung eines typischen 08/15 Thrillers (von Cover, Titel und Klappentext her) daherkommt.

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Buchrezension: „Hochdeutschland“

An dem Buch „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch hat mich als Erstes das schöne Cover angesprochen.
Aber auch der Klappentext klingt interessant und außergewöhnlich, im Buch geht es um den Investmentbanker Victor, der beruflich schon sein ganzes Leben auf der Überholspur unterwegs ist.
Er hat sich über den typischen Karriereweg des Investmankbankers („einige Jahr tot arbeiten“) ganz nach oben gebracht und ist jetzt einer der 3 Chefs der fiktiven Birken Bank, als der er wiederum andere junge Investment Banker ausbeutet, Politiker und Firmen berät und Lobbying betreibt.
Obwohl er das Luxusleben durchaus genießt (sein Privatleben besteht weitgehend aus einer losen Affäre mit seiner Nachbarin und der Zeit die er mit seiner 6-jährigen Tochter verbringt, die er abgöttisch liebt), plagt ihn doch irgendwie auch ein schlechtes Gewissen. Victor ist praktisch neoliberaler Raubtierkapitalist, hängt aber gleichzeitig theoretisch Fantasien von fast schon kommunistischer Umverteilung an
(und träumt zudem klischeehaft vom Schreiben eines „großen Romans“).

In einem kreativen Rausch verfasst er ein politisches/gesellschaftliches Manifest (eine Art linksrechtes populistisches Wohlfühlprogramm für jeden, vielleicht am Ehesten vergleichbar mit dem Alles-Und-Nichts-Programms der 5 Sterne in Italien), das sein alter Kumpel Ali (Nachkomme eines deutschen Döner-Imperiums und desillusionierter Grünen-Politiker) sich prompt für den Bundestagswahlkampf seiner neugegründeten „Deutschland AG“ Partei unter den Nagel reisst. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten…

Als Roman ist „Hochdeutschland“ schwer einzuordnen, handelt es sich um eine Satire oder eine Gesellschaftskritik oder beides?
Das ist nicht so einfach zu sagen, allerdings hat es für mich persönlich als Roman zu wenig Handlung, es wirkt mehr wie eine Gedankenspielerei, die unterhaltsam und bissig zu lesen ist und die mich sehr gut unterhalten hat. Für eine klassischen Roman ist das Ganze stilistisch und inhaltlich für mich aber etwas zu ziellos und unausgewogen, was meinen Lesefluß zwar nicht gestört hat, aber das letzte Drittel des Buches wirkt doch etwas abgehackt und sprunghaft. Insgesamt hat mir das Buch deswegen zwar trotzdem gut gefallen, man hatte aber so ein bisschen den Eindruck, dass der Autor vielleicht selbst nicht wußte wie er seine Idee zu Ende bringen soll.
Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist, dass ich die Abschnitte, die aus Sicht von Victors 6-jähriger Tochter geschrieben sind doch etwas konstruiert und sprachlich nicht authentisch fand. Davon abgesehen hat mir das Buch aber als scharfer treffender Blick auf die heutigen weltpolitischen und gesellschaftlichen Probleme gut gefallen. Auch Victor als so ziemlich alleinig ausgearbeiteter Protagonist des Buches sowie den ironischen Humor fand ich gelungen.

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Jugendbuch-Rezension: „Gänseblümchen sterben einsam“

Ich lese auch als Erwachsene sehr gerne Bücher aus dem Genre „Young Adult“, besonders angetan haben es mir dabei bisher amerikanische Autoren wie zum Beispiel Rainbow Rowell (die eine großartig gefühlvolle Art und Weise hat über Liebe zu schreiben). Im deutschsprachigen Bereich kenne ich noch nicht viele Autoren, weswegen ich dem Buch „Gänseblümchen sterben einsam“ von Regina Meissner gerne eine Chance gegeben habe. Das Thema des Buches klang für mich zwar sehr ernst, aber sehr interessant und ansprechend.

Das Leben der 17-jährigen Moira gerät am Anfang des Buches völlig aus den Fugen, den ihr älterer Bruder Liam hat für die ganze Familie völlig unerwartet Selbstmord begangen. Das Buch beginnt mit der sehr intensiven und bedrückenden Beschreibung seiner Beerdigung. Danach befindet sich Moiras ganze Familie in einer Art Schockzustand, der Vater vergräbt sich bei der Arbeit, die Mutter im Bett und Moira muss einen ersten heroischen Versuch direkt wieder zur Schule zu gehen abbrechen. Beim Besuch von Liams Grab und der Stelle an der er Selbstmord begangen hat, bemerkt Moira bald einen Jungen auf einem Skateboard, der aber die Flucht ergreift als Moira ihn ansprechen will. Als die beiden durch einen Zufall doch aufeinander treffen ist Moira schnell völlig fasziniert von dem fremden Jungen, der sich Ryan nennt. Je näher sie ihm kommt, desto besser schafft sie es Liams Verlust zu verarbeiten. Doch hat Ryan etwa etwas zu verbergen?

Ich muss zugeben, dass ich bezüglich des Buches sehr hin- und her gerissen war, das erste Kapitel fand ich sehr stark, dann hatte ich aber erst mal wirklich Schwierigkeiten mit dem Schreibstil, denn den fand ich zeitweise wirklich sehr kitschig und auch für ein 17-jähriges Mädchen zu altmodisch (teilweise erinnerte er an eine Rosamunde Pilcher Verfilmung), so stolperte man immer wieder über Sätze wie „Ungesagte Worte ersterben in meiner Kehle“, „Der Fremde trat aus dem Schatten, „Sanft ergriff sie meine Hand“. Dazu kam noch, dass auch noch alle Charaktere Namen haben wie aus einer Rosemunde Pilcher Verfilmung, Moira, Delilah, … (als ein Lehrer auch noch Mr. Ivanhoe hiess, musste ich doch kurz kichern). Das Buch soll wohl in Großbritannien spielen, allerdings wirkt die Namensgebung doch auch mehr wie Großbritannien 1952 oder so. Vor allem die Teile, die Moiras Freundschaft zu Delilah schildern, fand ich doch sehr blumig und gestelzt teilweise.

Allerdings nahm das Buch ab dem Moment wo Moira Ryan kennenlernt an Fahrt auf und auch den Schreibstil fand ich ab merkwürdigerweise wieder gelungener, die sich entfaltende Liebesgeschichte fand ich sehr schön erzählt und das Buch entfaltet dann auch eine eigene Spannung und einen Sog, der dazu führte, dass ich es ab da in einem Rutsch ausgelesen habe. So kann ich sagen, dass es mir ab da doch noch gut gefallen hat, auch wenn es nicht wirklich meinen Geschmack getroffen hat. Ich denke die (junge) Autorin hat auf jeden Fall viel Talent, ist allerdings stilistisch noch etwas unausgewogen. Ich vermute ich bin auch einfach nicht die Zielgruppe der Autorin, denn sie schreibt sonst vor allem Bücher aus dem romantischen Fantasy oder Mystery Bereich (mit Titeln wie „Der Fluch der 6 Prinzessinnen – Schwanenfeuer“), was absolut nicht mein Ding ist. Hätte ich das vorher ergoogelt, hätte ich vermutlich vorher abschätzen können, dass dieser Roman nicht ganz mein Ding sein würde. Dafür kann die Autorin aber nichts und ich denke für Jugendliche (und eventuell Erwachsene), die es stilistisch gern etwas romantischer und blumiger mögen, ist das Buch sicher genau das Richtige. Mir hat es trotz des blumigen Stils im Großen und Ganzen dann doch ganz gut gefallen. Nicht ganz wohl fühle ich mich mit der etwas romantisierend verklärte Darstellung des Thema Selbstmords. Ich kann mir zwar vorstellen, dass das bei vielen Jugendlichen gut ankommt, aber gerade deswegen finde ich es etwas problematisch (problematischer auch als die so viel kritisierte drastische Darstellung in einer Serie wie „Tote Mädchen lügen nicht“). Aber die meisten Jugendlichen die das Buch lesen dürften alt genug sein, um sich dazu selbst eine Meinung zu bilden.

Insgesamt eine interessante Leseerfahrung von einer jungen talentierten Autorin.

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Jugendbuch-Tipp: „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“

„Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“ von Becky Albertalli wurde mir von einer Freundin empfohlen und da ich sehr gerne „Young Adult“ Bücher lese und der Klappentext mich auch sehr angesprochen hat, habe ich mir das Buch (in der englischsprachigen Originalausgabe“) auch bestellt. Die deutsche Ausgabe heißt „Nur drei Worte – Love, Simon“, allerdings kann ich die Qualität der Übersetzung natürlich nicht beurteilen.

Simon ist 17 Jahre alt und geht auf eine typische amerikanische Highschool. Er weiß schon länger, dass er schwul ist, konnte sich aber bisher noch nicht dazu aufraffen, seinen Freunden und seiner Familie davon zu erzählen. Auf Tumblr hat er zufällig einen Post eines Schulkameraden (mit dem Pseudonym „Blue“) entdeckt, der ihn sehr berührt hat, so dass er eine (geradezu altmodische 😉 ) Email-Brieffreundschaft mit ihm beginnt. Der Haken daran: beide schreiben unter einem Pseudonym, wissen zwar, dass sie auf die gleiche High School gehen, aber nicht wer der andere ist…und anfangs ist diese Anonymität beiden auch ganz recht. Unglücklicherweise vergisst Simon sich an einem Bibliotheks-Computer auszuloggen, so dass sein nerdiger Klassenkamerad Martin eine seiner Mails entdeckt und mehr oder weniger ernsthaft versucht ihn mit seiner Homosexualität zu erpressen (als Gegenleistung möchte er dass Simon ihn mit seiner beliebten und hübschen Freundin Abby verkuppelt).

Das Buch erzählt immer abwechselnd von Simons normalen Schulalltag, dazwischen sind seine Email-Konversationen mit Blue abgedruckt. So entspinnt sich einerseits eine zarte und sher süße Liebesgeschichte, andererseits erfahren wir viel über die Alltagsprobleme von Simons Freunden, seinem Familienleben und wie er durch seine Unterhaltungen mit Blue langsam immer selbstbewußter wird.

Als einzige Kritikpunkte ist vielleicht anzuführen, dass das Buch etwas langsam in Fahrt kommt und dass es für den Leser doch recht einfach ist, relativ früh zu erraten wer Blue im wirklichen Leben ist…allerdings tut das dem Lesespaß keinen Abbruch. Die Charaktere sind alle liebevoll gezeichnet und man entwickelt schnell Sympathien für alle, sogar der „Erpresser“ Martin wird nicht als einseitig „böse“ Figur dargestellt. Das Buch schafft es durchaus ernsthafte Themen mit sehr viel Leichtigkeit zu vermitteln und ist somit ein sehr gelungenes Jugendbuch für Leser allen Artes die (unkitschige) Liebesgeschichten und Coming-Of-Age Romane mögen.

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Buchtipp: „Eine Geschichte der Wölfe“ von Emily Fridlund

„Eine Geschichte der Wölfe“ von Emily Fridlund spielt im ländlichen Minnesota, einem Bundesstaat im Nordwesten der USA.
Die 14-jährige Linda oder Madeline oder Mattie (ihr Name bleibt im Buch genauso merkwürdig unklar, wie ihre Beziehungen zu den Leuten um sie herum) lebt mit ihren Eltern in ärmlichen Verhältnissen unter widrigen Bedingungen an einer Hütte an einem der vielen Seen der Gegend.
Ihre Eltern zogen vor einigen Jahr als Spät-Hippies zusammen mit anderen Erwachsenen und Kindern dorthin, um ihren Traum in einer Kommune zu leben zu verwirklichen. Nach einigen wenigen Jahren in der Kommune verschwanden alle anderen und nur
Linda und ihre Eltern, sowie 4 Hunde, blieben zurück.
Linda lebt dort recht isoliert, ihre Klassenkameraden machen sich über sie lustig und ihre Beziehung zu anderen Menschen besteht weitgehend aus ungesunden Obsessionen (z.B. mit ihrem später wegen dem Besitz von Kinderpornographie verhafteten Geschichtslehrer oder einer Klassenkameradin, die aus anderen Gründen an der Schule ausgegrenzt wird). Echte Beziehungen oder Freundschaften hat Linda nicht und auch das Verhältnis zu ihren Eltern bleibt distanziert, aus Gründen die im Laufe des Buches gut herausgearbeitet werden.

Nicht sehr verwunderlich ist es also, dass Linda fasziniert ist als in eine andere Hütte am See eine junge Familie einzieht, die junge Mutter Patra und ihr kleiner 4-jähriger Sohn Paul (der Vater ist anscheinend Wissenschaftler und aus beruflichen Gründen zuerst mal nie da).
Linda freundet sich mit den beiden an und ergattert recht schnell einen Job als Babysitterin für Paul. Linda mag Paul und kümmert sich gut um ihn (auch wenn sie manchmal genervt von ihm ist), noch faszinierter ist sie aber von Patra, die ihr zunehmend wichtig wird, so dass sie immer mehr Zeit mit der jungen Familie verbringt. Unbehagliche Gefühle bezüglich der an der Oberfläche so „perfekt“ wirkenden kleinen Familie verdrängt Linda…als der Vater Joe während der Sommerferien zurück kommt, ist Lindas Babysitter Job erst mal beendet und Patra und die Familie scheint sich zunehmend merkwürdig zu verhalten…Linda kann sich nicht wirklich von ihnen lösen und sucht weiter ihre Nähe…

Mehr möchte ich an dieser Stelle über den Inhalt nicht verraten, um nicht zu viel von der Handlung Preis zu geben.
Das Buch ist sehr intensiv und erzählt Lindas Lebensgeschichte nicht linear, sondern in Zeitsprüngen, meist wird die Geschichte aus Sicht des Sommers erzählt, in dem Linda
Paul und Patra kennenlernt, es gibt aber auch Episoden aus Lindas jüngster Kindheit und aus ihrem aktuellen Leben mit Mitte 30. Es ist eine Geschichte von Schuld und Loyalität und Abhängigkeit und darüber wie man auch in bester Absicht Schlimmes verursachen bzw. zumindest nicht verhindern kann.
Die Sprache ist dabei poetisch und teilweise detailverliebt, war für mich aber nie langweilig. Ich habe das Buch an einem Wochenende quasi in einem Rutsch ausgelesen. Für mich ein absolut großartiges, aber auch sehr bedrückendes und bewegendes Buch.

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Buchrezension: „So enden wir“ von Daniel Galera

„So enden wir“ von dem brasianischen Autor Daniel Galera ist ein Roman der schwer zu fassen ist, was sich auch in den meisten Rezensionen widerspiegelt, die ich bisher gelesen habe, nicht nur ruft der Roman ein sehr unterschiedliches Echo hervor, auch sind die meisten Rezensionen eher schwammig wenn  es darum geht den Inhalt zu beschreiben. Dies dürfte daran liegen, dass es wirklich gar nicht so einfach ist den Roman in Worte zu fassen. Worum es grundsätzlich geht, ist eigentlich nicht so kompliziert, ein bekannter Schriftsteller namens Andrei (von allen nur der „Duque“ genannt) wird beim Joggen in der Stadt Porto Alegre auf der Straße ermordet. Geschockt reagieren darauf seine 3 Jugendfreunde Aurora, Emiliano und Antero, mit denen zusammen der Duke vor ca. 10 – 15 Jahren ein politisches und alternatives Online-Magazin namens Orangotango herausgab, dass eine Zeit lang in Brasilien richtig angesagt war, bevor es wieder verschwand und die Leben der 4 Freunde sich auseinander entwickelte.

Jetzt Jahre später versucht Aurora ihr Biologie- Studium zu beenden, hadert aber mit einem Gefühl, dass die Welt dem Niedergang geweiht ist und ist schon mit dem Leben an sich ziemlich überfordert. Emiliano soll eine Biografie über den Duque schreiben, solange sein Tod noch so viel Aufmerksamkeit generiert, dass es sich gut verkauft, weiß aber nicht ob er es schafft seine eigene persönliche Geschichte mit Andrei zu verarbeiten. Antero ist finanziell der erfolgreichste der Drei, ruiniert aber dafür sein Familienleben. Das Buch beschreibt die Wochen und Monate nach Andreis Tod aus der Sicht der 3 Freunde, wobei es nur fetzenhafte und episodenhafte Einblicke in das Leben der drei und ihr Verhältnis zu Andrei gibt, dabei werden aktuelle Themen wie die Auswirkung der Digitalisierung und der Social Media auf das Leben der Menschen und der Menschheit aufgegriffen…da das Buch recht kurz ist (200 Seiten) erhält jeder Charakter nur ca. 2 Kapitel und irgendwie hat man am Ende des Buches das Gefühl nur recht wenig erfahren zu haben, obwohl gar nicht viel passiert ist…mir hat das Lesegefühl des Buches wirklich gut gefallen, es liest sich flüssig obwohl es sich an vielen Stellen in Details verliert, die aber nie langweilen und es schafft es finde ich sehr gut das Gefühl der Orientierungslosigkeit zu beschreiben, dass die 3 Freunde in dieser Phase ihres Lebens (sie sind zwischen Anfang 30 und ca. 40) alle befallen zu haben scheint. Der Aktivismus und die Energie ihrer Orangotango-Zeit scheinen sie verloren zu haben und ich konnte grade das Gefühl Auroras, dass die Welt sich in einer besonders hoffnungslosen Phase befindet gut nachvollzieht, das geht wohl Vielen so, die täglich die Nachrichten verfolgen. Aber das Buch macht auch Hoffnung, dass diese Phase vielleicht etwas ganz Normales ist, die einen egal in welchem Jahrzeht oder Jahrhundert man lebt in einem bestimmten Alter überkommt (ich lese gerade parallel den „Baader-Meinhof Komplex“ und da mich die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse die dieses Buch beschreibt fast in jedem Kapitel im Vergleich zur heutigen Weltlage trotz allem sprachlos machen, habe ich den Verdacht, dass an dieser Theorie etwas dran ist), was etwas sehr Tröstliches ist. Vielleicht muss man aber in einem ähnlichen Alter sein wie der Autor und die Protagonisten, um sich mit der Gedankenwelt des Buches anfreunden zu können.

Alles in allem hat mir das Buch gut gefallen, da es zum Nachdenken anregt, auch wenn man hinterher gar nicht so richtig weiß, worüber 😉

Ob man das Buch weiterempfehlen kann, ist eine schwierige Frage, da es definitiv viele Gründe gibt, warum es einem nicht gefallen kann. Wer ein Fan von viel Handlung und einfacher Sprache ist, wird mit dem Buch vermutlich nichts anfangen können, auch sollte man eine ausgeprägte Toleranz für Vulgarität mitbringen, denn die Sprache schwankt oft zwischen philosphisch und sehr derb.

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Regionalkrimi – Tipp: „Totenweg“ von Romy Fölck

„Totenweg“ ist ein Regionalkrimi, der im Norden von Deutschland spielt, konkret in der Elbmarsch bei Hamburg. Die junge Kommissar-Anwärterin Linda ist mitten in der Lernphase für ihre Prüfungen als sie einen erschreckenden Anruf von ihrer Mutter bekommt: ihr Vater wurde hinterhältig niedergeschlagen und liegt in Lebensgefahr im Krankenhaus…Linda kehrt etwas widerwillig zurück auf den Apfel-Bauernhof ihrer Eltern, um ihre Mutter zu unterstützen. Dort kommen schlimme Erinnerungen an ihre Jugend zurück, denn als sie 14 war, wurde ihre beste Freundin Marit dort in der Nähe ermordet. Der Mörder wurde nie gefunden, doch Linda trägt seitdem ein schlimmes Geheimnis mit sich herum.

Der Kommissar Bjarne Haverkorn wird ebenfalls von schlimmen Erinnerungen eingeholt, als er die Ermittlungen zu dem Überfall auf Lindas Vater aufnimmt, denn er war auch schon beim Mord an Marit der leitende Ermittler und dass er den Mörder damals nicht fassen konnte, verfolgt ihn seitdem. Er war überzeugt, dass Linda damals etwas verbarg und nimmt sich vor die Ermittlungen an dem neuen Fall zu nutzen, um einen letzten Versuch zu unternehmen auch Marits Mörder zu finden.

Der Krimi ist der erste Teil einer neuen Reihe und hat mir auch wirklich gut gefallen. Die Handlung ist spannend und sehr kurzweilig erzählt. Auch die beiden Hauptpersonen sind gut ausgearbeitet und sympathisch und das Verhältnis zwischen Privatleben und Kriminalfall ist ausgewogen (wobei sich bei Linda sowieso alles vermischt). Ganz perfekt fand ich den Krimi trotzdem nicht, denn es gibt ein paar zu viele „klassische“ Krimikonstrukt-elemente (das ständige Wechselspiel zwischen 2 offensichtlichen Verdächtigen), die etwas subtiler hätten sein können. Außerdem hat Linda wiederholt die Angewohnheit in jeder Situation die dümmstmögliche Entscheidung zu treffen (zum Beispiel erhält sie im Laufe des Romans wiederholt Drohungen und wird verfolgt, lässt dann aber trotzdem ständig absichtlich ihr Smartphone zuhause liegen und schleicht dann alleine an verlassenen Orten rum – die Krimivariante von dem typischen Horrorfilm-Opfer das im dunklen Haus alleine in den Keller steigt wenn es ein merkwürdiges Geräuscht hört 😉 ). Da Linda ja eine Polizistin ist, wirkt das besonders irritierend und da es immer wieder passiert, fängt es irgendwann doch etwas an zu nerven.

Mich hat der Krimi also sehr gut unterhalten, es fehlte aber beim Plot vielleicht noch etwas Raffinesse. Trotzdem ein sehr gelungenes und spannendes Debut.